Über das Werk
Von Laila Dandachi
Der Kupferstich zeigt das ganzfigurige Porträt des Abts Simpert Niggl aus Schwangau
in Bayern (1654–1711),[1] der sich mit seinem
türkischen Kaftan und seiner landesüblichen Bärenfellmütze vor der Kulisse des
barocken Klosters Neresheim darstellen lässt.[2] Der festliche Charakter der Szene wird durch
das mit Straußenfedern bekrönte Festzelt betont, aus welchem der Abt würdevoll
hervortritt. Er weist mit der rechten Hand auf das Kloster Neresheim, da in seiner
Regierungszeit (1682–1706) nicht nur die Barockisierung der Schaufassade der
romanischen Kirche neben dem Turm, sondern auch der Neubau des Konventgebäudes mit
imposantem Treppenaufgang in der Mitte sowie die Neugestaltung des vorgelagerten
Ökonomiehofes fielen. Trotz der Unterbrechung der Bauarbeiten aufgrund des
Spanischen Erbfolgekrieges zwischen 1702 und 1704 konnte er seine Bauprojekte bis
zum Ende seiner Amtszeit 1706 großteils vollenden.[3] Der Kupferstich,
der von dem wenig bekannten Vorarlberger Maler Raphael Simon (gest. 1720) gezeichnet
wurde („Raphael Simon delineavit“), zeigt vermutlich eine Ansicht der Klosteranlage
vom letzten Amtsjahr des Abtes.[4] Das Kloster wird hier in einer großzügig
konzipierten Vogelschau dargestellt, wobei die einzelnen Bauelemente in der
Landschaft kartographisch ausgebreitet werden. Die gesamte Klosteranlage ist mit
ihren architektonischen Details in der Westansicht als bevorzugte Schauseite
detailliert erkennbar.
Raphael Simon bezieht die natürliche Umgebung in der Darstellung des Klosters
Neresheim kaum ein und rückt stattdessen – wie im 17. und 18. Jahrhundert üblich –
die herrschaftliche Repräsentation des Klosters in den Mittelpunkt.[5] Die restlichen Umbauten wurden 1711 abgeschlossen, und der
barocke Urzustand der Klosteranlage wurde 1719 in dem Stuckrelief von Dominikus
Zimmermann im Festsaal des Klosters dargestellt. Aufgrund der monumental ausgebauten
Westfassade der Kirche und des vierflügeligen Konventgebäudes erhielt die Abtei den
Charakter eines hochherrschaftlichen Schlosses. Somit kam der hohe Anspruch als
reichunmittelbarer Landesherr zumindest architektonisch zur Geltung.[6]
Auf den Ruhm Simpert Niggls als bedeutender barocker Bauherr bzw. Landesherr verweist
nicht nur die Ansicht der damaligen Klosteranlage, sondern auch das von Putten
getragene, große bischöfliche Wappen mit einem silbernen Greif, der ein Dreiblatt in
seiner Pranke hält. Darüber befindet sich das Schriftband des Wappens mit dem
Anagramm „SIMPERTUS EST PRIMUS“: Der Vorname dient hier zur Erfindung eines neuen
Wortes, das den Abt ehrt. Je komplexer die Umformulierungen gestaltet wurden, desto
größer war die Ehrerbietung.[7]
Außerdem verweisen sein Kaftan-Kostüm[8] und
seine erhabene Position vor dem Festzelt auf seine Teilnahme an der kaiserlichen
Großbotschaft (1699–1701) ins Osmanische Reich nach Konstantinopel. Somit stellt
sich Simpert Niggl als Mitglied einer bedeutenden diplomatischen Friedensmission
dar, die von dem Großbotschafter Wolfgang IV. zu Oettingen-Wallerstein angeführt
wurde (vgl. Porträt des kaiserlichen Großbotschafters Wolfgang IV. zu
Oettingen-Wallerstein; Porträt des kaiserlichen Großbotschafters Wolfgang IV. zu
Oettingen-Wallerstein mit allegorischer Friedensdarstellung). In seiner linken Hand
hält er vermutlich sein Reisetagebuch, in dem er bedeutende Ereignisse auf der
Mission ausführlich beschrieb.[9]
Der Porträtstich des Abtes wurde von dem kaum bekannten Kupferstecher Jeremias Kilian
(1665–1730) aus Augsburg angefertigt („Jeremias Kilian sculpsit“),[10] der auf einer gemalten Porträtbüste des Abtes in Schloss
Wallerstein beruht. Wie auch im Fall der Gemälde der Großbotschafter
Oettingen-Wallerstein und Ibrahim Pascha (vgl. Porträt des kaiserlichen
Großbotschafters Wolfgang IV. zu Oettingen–Wallerstein, Porträt des osmanischen
Großbotschafters Ibrahim Pascha) wurde auch das Gemälde des Abtes von Frans von
Stampart erst nach der Rückkehr der Großbotschaft aus Konstantinopel 1701
hergestellt.[11]