Über das Werk
Von Laila Dandachi
Die Porträtbüste des Sultans Mustafa II. (r. 1695–1703) auf dem Kupferstich in dem
Bericht Schönwetters entstand vermutlich in der Werkstatt des Johann Andreas
Pfeffel.[1] Diese
Darstellung stützt sich ikonographisch weitgehend auf das Halbporträt des
gleichnamigen Herrschers im Schloss Wallerstein, welches der kaiserliche
Großbotschafter Wolfgang IV. zu Oettingen-Wallerstein 1701aus Konstantinopel nach
Wien brachte.[2] Deutliche Übereinstimmungen lassen sich
im Gesichtsausdruck, in der Bartfrisur sowie in der Darstellung des damals üblichen
Kātibī-Turbans mit Aigrette erkennen.[3]
Sowohl das Porträtgemälde als auch der Kupferstich lassen sich mit der
Porträtdarstellung des Sultans in der osmanischen Miniaturmalerei vergleichen. Der
osmanische Hofmaler Musavvir Hüseyin, der sich in seinen Porträtdarstellungen den
osmanischen Hofmaler Şiblizade zum Vorbild nahm,[4]
setzte in der von ihm 1692 signierten Porträtserie (silsilnāme) durch eine
ausdruckstarke Charakterisierung der Porträtbüsten, die vor allem auf westliche
Abnehmer abzielen sollte, neue Akzente.[5] Daher könnte
der europäische Künstler[6] bei
der Anfertigung des sich heute in Schloss Wallerstein befindlichen Porträtgemäldes
von den Sultanporträts des osmanischen Hofmalers Musavvir Hüseyin inspiriert worden
sein. Dafür spricht wahrscheinlich auch die Porträtserie von 22 Sultanen – beginnend
mit dem Reichsgründer Osman (r. 1299–1326) bis zum amtierenden Sultan Mustafa II.
(r. 1695–1703) – des französischen Kupferstechers Claude du Bosc, die in dem
englischen Geschichtswerk The History of the Growth and Decay oft he Ottoman Empire
des moldauischen Prinzen Dimitrie Cantemir (1673–1723) erstmals 1734 in London
herausgegeben wurde. Diese Porträtserie basiert auf einer osmanischen Vorlage aus
Istanbul, die von Levnī, dem obersten Hofmaler Mustafas II., wahrscheinlich zwischen
1701–1703, als der moldauische Prinz Cantemir zum zweiten Mal in Istanbul weilte,
bereits kopiert worden war. Möglicherweise handelt es sich bei dem Künstler der
osmanischen Vorlage für das Porträt des Sultans in der Cantemir–Serie[7] um Musavvir Hüseyin, da sich einerseits
stilistische Übereinstimmungen mit der oben genannten Porträtserie von 1692 und
andererseits ikonographische Parallelen zur Darstellung des Thronsessels in einer
weiteren Porträtserie des Künstlers von 1683 erkennen lassen.[8]
Durch den Vergleich der Kupferstichporträts Mustafas II. im Bericht von Schönwetter
mit dem Porträt in der Cantemir-Serie ergeben sich künstlerische Parallelen in dem
idealtypischen Gesichtsausdruck des Sultans sowie beim geöffneten, pelzverbrämten
Mantel, Kātibī-Turban und in der Bartfrisur. Jedoch weist das Porträt im Bericht
Schönwetters auch individuelle Gesichtszüge auf, die sich so nur auf dem
Gemäldeporträt in Schloss Wallerstein wiederfinden. Daher kann man davon ausgehen,
dass das letztgenannte Gemälde auf der osmanischen Vorlage der Cantemir-Serie beruht
und danach nicht nur als Vorbild für den Kupferstich im Bericht Schönwetters,
sondern auch für die ersten europäischen Kupferstiche von Mustafa II. um 1700
diente.[9]