Über das Werk
Von Laila Dandachi
Der Einblattdruck Historische Denckwürdigkeiten des 1700sten Jahrs, der von dem
Kupferstecher und Verleger Christoph Weigel (1654–1725) in Nürnberg herausgegeben
wurde, zeigt die kaiserliche Großbotschaft bei ihrem opulenten Einzug in
Konstantinopel (Bild II, oberstes Register).[1] Christoph Weigel begann
zunächst eine Goldschmiedelehre, bevor er in den Jahren 1673–78 in Augsburg eine
Ausbildung zum Kupferstecher erhielt. Es folgten Aufenthalte in verschiedenen
Städten, u.a. in Wien und Nürnberg. Nachdem er in Nürnberg um 1700 einen eigenen
Verlag gegründet hatte, spezialisierte er sich vorwiegend auf Schab- und
Linienmanier. Die Kupferstiche in seinen verlegten Büchern wurden hingegen zum
großen Teil von verschiedenen Mitarbeitern angefertigt.[2] Darunter befand sich auch der niederländische
Kupferstecher Caspar Luyken (1672–1708), dem die Anfertigung der Darstellung des
Einzuges der kaiserlichen Großbotschaft Oettingen-Wallerstein auf dem Einblattdruck
Weigels zugeschrieben wird. Caspar Luyken erhielt seine Ausbildung von seinem Vater
Jan Luyken (1649–1712) und arbeitete mit ihm zeitlebens eng zusammen.[3]
Johann Baptist Schönwetter erwähnt in seinem Bericht, dass die kaiserliche
Großbotschaft am 8. Februar 1700 in Begleitung von osmanischen Hofbeamten und von
mit Gewehren bewaffneten Janitscharen beim Adrianopolitanischen Tor die Stadt
Konstantinopel betrat. Der Einzug, der mit Militärmusik und Fahnen stattfinden
durfte, vollzog sich vor einer großen Anzahl von schaulustigen Stadtbewohnern.[4] Auf der Graphik
Luykens erkennt man den Großbotschafter Wolfgang zu Oettingen-Wallerstein auf einem
Pferd sitzend, der gerade mit seinen Hofdienern und Kavalieren das Tor passiert. Wie
im Bericht Schönwetters erwähnt, sind auch hier Fahnenträger und Militärmusiker
dargestellt. Besondere Aufmerksamkeit legte der Künstler in seinem Kupferstich
jedoch auf die Einkleidung der kaiserlichen Großbotschaft mit den vor der Abreise
angefertigten orientalisierenden Kostümen, die die Missionsteilnehmer auch bei ihrem
Auszug aus Wien und bei der Abschiedsaudienz bei Kaiser Leopold I. trugen (s. Paradeauszug des kaiserlichen Großbotschafters
Wolfgang zu Oettingen-Wallerstein vor den Stadttoren Wiens).[5]
Die Darstellung des Großbotschafters auf dem Kupferstich von Caspar Luyken orientiert
sich an der Abbildung des Einzugs von Sultan Mustafa II. in Konstantinopel auf einem
Kupferstich, der von Jan Luyken angefertigt wurde.[6] Das
Motiv der osmanischen Herrscher- oder Botschaftereinzüge beruht auf den
Darstellungsprinzipien des europäischen Hofzeremoniells, in dem unterschiedliche
Kleidungsmoden integriert und kontextualisiert werden konnten.[7] Somit erscheinen auf beiden Kupferstichen sowohl der Sultan als
auch der Großbotschafter in derselben Haltung auf ihrem reichgeschmückten Pferd
sitzend, wobei sie sich vor allem in der Kleidung, Kopfbedeckung und Bewaffnung
ähneln. Auch die Aufteilung der militärischen und höfischen Gefolgschaft vor oder
nach ihren Repräsentanten weist auf beiden Stichen enge Parallelen auf. Außerdem
betten beide Künstler das Ereignis in eine urbane Architekturkulisse ein, die
entweder im Hintergrund noch durch schaulustige Stadtbewohner oder im Vordergrund
durch Staffagefiguren belebt wird.
Die Darstellung des kaiserlichen Großbotschafters auf dem Kupferstich Caspar Luykens
als „Sultan“ ist der Tatsache geschuldet, dass er während seiner Mission als
Stellvertreter des Kaisers fungiert: Der gezielte Einsatz der orientalisierenden
Kostüme gleicht daher nicht nur kulturelle Unterschiede aus, sondern vermittelt auch
die aus der politischen Gleichstellung resultierende Friedenssicherung. Daher ist
hier die Einkleidung der Großbotschaft mit orientalisierenden Kostümen im Sinne
einer Erinnerungskultur des Friedens zu verstehen.[8]