Über das Werk
Von Laila Dandachi
Der Einzug des osmanischen Großbotschafters Ibrahim Pascha in Wien auf dem
Einblattdruck des Verlegers Adam Jonathan Felsecker aus Nürnberg[1] ähnelt in seiner schematischen Darstellungsweise mit
nummerierter Bildlegende dem Paradeauszug des
kaiserlichen Großbotschafters Wolfgang zu Oettingen-Wallerstein vor den
Stadttoren Wiens. Auch hier erstreckt sich die mäandrierende Prozession
Ibrahim Paschas, die sich in Richtung der Stadtmauern Wiens bewegt, über das gesamte
Blatt. Auffällig sind wieder die Länge und Größe des Zuges, während die Kennzeichen
der Regimenter, Personen und Kutschen kaum erkennbar sind und daher nur aufgrund
ihrer Nummerierung mit anschließender Beschreibung in der Bildlegende identifiziert
werden können. Der Großbotschafter befindet sich auch hier in der Mitte des Zuges
auf einem Pferd reitend und repräsentiert daher mit seinem Gefolge gemäß seinem
hohen Rang das Zentrum des Zuges. Im Bericht Schönwetters wird der Einzug des
osmanischen Großbotschafters Ibrahim Pascha in Wien visuell vereinfacht dargestellt.
Sowohl der Bericht als auch die Beschreibung in der Bildlegende erwähnen den Empfang
des osmanischen Großbotschafters durch die kaiserlichen Kommissare am 30. Jänner
1700. Der Einzug erfolgte in Begleitung kaiserlicher Offiziere und Hofbeamter und
bestand daher aus osmanischen und kaiserlichen Regimentern, Fahnenträgern sowie
Geschenk- und Gepäckwägen.[2]
Im Gegensatz zu den vereinfachten Darstellungen im Bericht Schönwetters sticht der
Einblattdruck Lerchers außerdem durch seine politische Ikonographie hervor: Die
Personifikation der Pax (Friede) und der Justitia (Gerechtigkeit) sitzen vereinigt
auf einem Steinsockel, wobei die mit ihren Attributen –Schwert und Waage–
gekennzeichnete Justitia von der Pax mit einem Kranz bekrönt wird. Außerdem hält sie
noch den von der Pax überreichten Ölzweig in ihrer Schwerthand. In der
frühneuzeitlichen Kunst steht die Personifikation der Pax selten allein und ihr
Bedeutungszusammenhang erschließt sich erst mit weiteren Personifikationen wie der
Abundantia (Überfluss), der Concordia (Eintracht) oder eben, wie auf der Grafik
abgebildet, mit der Justitia. Die Verbindung von Pax und Justitia stellt dabei die
häufigste Variante dar, da laut alttestamentarischer Auffassung es keinen Frieden
ohne Gerechtigkeit geben kann (Buch Jesaja 32,17: „Und der Gerechtigkeit Frucht wird
Friede sein […].“). Außerdem beschreibt auch der spätantike Kirchenvater Augustinus
(354–430 n.Chr.) den gerechten Frieden als den Idealzustand, wodurch Wohlstand und
Grundrechte gesichert werden könnten.[3]
Auf einem weiteren, qualitätvolleren Einblattdruck im Wienmuseum,[4] der offensichtlich denselben Einzug des osmanischen
Großbotschafters zeigt, sind Pax und Justitia mit weiteren Friedenskonnotationen
umgeben: Die Hinzufügung sämtlicher Embleme mit abgekürzten lateinischen Inschriften
entlang der Bildränder veranschaulichen die Auswirkung des gerechten Friedens auf
die Landarbeit und den daraus entstehenden Wohlstand. Im Kontext der kriegerischen
Auseinandersetzungen vor dem Frieden von Karlowitz 1699 stehen wohl auch der in
einem Bärenfell gekleidete, schlafende Barbar sowie der mit einem abgebrochenen
Schwert dargestellte gepanzerte Krieger, die beide scheinbar die besiegten Osmanen
verkörpern. Die Porträtbüsten des Kaisers Leopold I. und des Sultans Mustafa II.
erscheinen auf beiden Graphiken, wobei die Inschrift in der kaiserliche Büste auf
den militärischen Sieg der Habsburger über die Osmanen verweist. Auf dem Sockel von
Pax und Justitia verweist noch die angefügte lateinische Inschrift auf die
Gerechtigkeit bzw. Notwendigkeit des Krieges, wodurch ein „goldener“ Friede erst
ermöglicht werden kann („Justitia Belli tandem Pax Aurea parta
est.“). Daher deuten alle Motive (Personifikationen, Embleme,
Porträtbüsten) auf den beiden Einblattdrucken darauf hin, dass der Krieg vorbei ist
und dem Habsburgerreich eine Zeit des Friedens bevorsteht.