Über das Werk
Von Laila Dandachi
Der Einblattdruck, der von dem Wiener Buchdrucker Christoph Lercher (1643–1713)[1] herausgegeben wurde, stellt die wichtigste graphische
Darstellung des Auszugs der Großbotschaft Oettingen-Wallerstein mit dem Gefolge in
Wien 1699 dar. Auf der linken unteren Bildseite setzt sich der lange prächtige Zug
des kaiserlichen Großbotschafters vom Stadttor aus in Bewegung und schlängelt sich
mäandrierend in Richtung des oberen Bildrandes. Nachdem der Großbotschafter am 26.
September 1699 seine Abschiedsaudienz bei Kaiser Leopold I. abgehalten hatte,
veranstaltete er seinen Auszug aus der kaiserlichen Residenzstadt in Form einer
triumphalen Prozession. Aufgrund der schematischen Darstellungsweise werden die
wichtigsten Teilnehmer nummeriert und in der Bildlegende erwähnt. Diese
Dokumentation folgt der Ikonographie der kaiserlichen Triumphzüge seit dem Ende des
15. Jahrhunderts: Der feierliche Einzug eines Herrschers in die Stadt
veranschaulicht eine Sonderform der „Processio“, des festlichen Auf- und Umzuges,
der in der Frühen Neuzeit ein wichtiges Element der städtischen und höfischen
Festkultur darstellte.[2]
Die ersten Einzeldarstellungen von diplomatischen Aus- oder Einzügen kamen in der
ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf. In dieser Zeit erfuhr der Gesandte eine
politische Aufwertung, da er als Repräsentant des Kaisers bei diplomatischen
Ereignissen fungierte. Darüber hinaus spielten auch der Rang und Umfang der
Abordnung sowie der Ort der Abhaltung vor oder in der Stadt eine große Rolle.[3] Daher heben sich die Darstellungen dieser Ereignisse weniger
durch ihre künstlerische Originalität hervor, sondern sie gewinnen durch den
räumlichen Abstand der gestaffelten Ranggruppen zum Zentrum an Wiedererkennungswert
und Lesbarkeit.[4]
Auf dem Kupferstich Christoph Lerchers wird der prächtige Botschafterzug vor dem
Stadttor Wiens gezeigt, der von Hofmusikern (Trompeter und Pauker) sowie Hof- und
Militärbeamten auf der Bildoberseite angeführt wird. In der Mitte des Zuges
erscheint der kaiserliche Großbotschafter auf seinem Pferd reitend, der von
zahlreichen Dienstleuten (Lakaien und Trabanten) umgeben ist. Während die in der
Bildlegende genannten adeligen Kavaliere zu je drei Personen auf ihren Pferden vor
dem Botschafter reiten, gruppieren sich dahinter der Wagenmeister mit seinem
Personal, die unbesetzte Prunkkarosse des Großbotschafters, die dessen Status
visualisiert, sowie die weiteren Lastwägen und das niederrangige Hofpersonal.[5] Auffällig bei der Darstellung sind nicht nur der Umfang und
die prachtvolle Ausstattung der Kutschen und Pferde, sondern auch die orientalischen
Kostüme der namentlich genannten Kavaliere und anderer hochrangiger Hofbeamter. Vor
allem die gemusterten, orientalisch anmutenden Roben und die mit Reiherbüschen
ausgestatteten Mützen der aristokratischen Teilnehmer waren eine bewusste Wahl der
kaiserlichen Großbotschaft, um sich von der Reise nach Konstantinopel ein
erinnerungswürdiges Denkmal zu setzten.[6]
Deutlich schlichtere Versionen der Ein- und Auszüge der kaiserlichen Großbotschaft
wurden in dem Bericht Schönwetters abgebildet: Der Auszug der kaiserlichen
Großbotschaft Oettingen–Wallerstein aus Wien ähnelt im Aufbau des Zuges sowie in der
Darstellungsweise der Teilnehmer mit orientalisierenden Kostümen dem Botschafterzug
auf dem Kupferstich Christoph Lerchers. Als Vorbilder für diese schematisierten bzw.
typisierten Botschafterzüge dienen kaiserliche Einzüge vom Ende des 17.
Jahrhunderts: Beispielsweise akzentuiert der Einblattdruck des Radierers Hans Ulrich
Franck und des Zeichners Johann Weidner in besonderem Maße sowohl den großen Aufwand
als auch die Länge und Diversität des kaiserlichen Zuges. Materielle und
topographische Bildelemente fehlen vollständig oder treten weitgehend in den
Hintergrund.[7] Das dargestellte Thema der Einzüge auf den
besprochenen Einblattdrucken wird daher wie für Flugblätter typisch
berichtend-informativ und vereinfacht dargestellt, um deren Inhalte medienwirksam zu
verbreiten.[8]