Über das Werk
Von Laila Dandachi
In dieser Darstellung des osmanischen Diwans im Bericht Schönwetters[1] zeigt sich der osmanische Großbotschafter
Ibrahim Pascha als Vorsitzender der imperialen Ratsversammlung (dīwān-i hümāyūn) im
Hof seines Quartiers in Wien. Wie im Text beschrieben, stellen sich auch hier die
osmanischen Hofbeamten in zwei Reihen auf und bilden einen Ring, der oben von dem
klar hervorgehobenen Großbotschafter mit seinem Gefolge und unten von verschiedenen
Hofmusikern abgeschlossen wird. In der Mitte des Ringes befinden sich drei weitere
osmanische Hofbeamte, die jeweils einen silbernen Stab in der Hand führen.
Zusätzlich erscheinen im Hintergrund noch weitere teilnehmende Zuschauer, deren
Köpfe schemenhaft in den Fenstern des oberen Stockwerks zu erkennen sind. Die
Ratsversammlung wird von einem massiven quadratförmigen Bau, dem Wohnquartier des
Großbotschafters, umgeben. Der Schutzcharakter des Baus wird außerdem noch durch die
mit Gewehren bewaffnete kaiserliche Garde hinter dem Eingang hervorgehoben.
Der Künstler reduziert hier – wie auch in den übrigen auf den Kupferstichen
dargestellten Ereignissen – die materiellen und physischen Details, die zur
Kennzeichnung von Objekten sowie von Personen und ihren Rängen erforderlich sind.
Die auf das Wesentliche reduzierte Darstellung der imperialen Ratsversammlung im
Bericht Schönwetters schöpft aus dem reichen Reservoir der ähnlich aufgebauten
Abbildungen von Ereignisszenen in Kostümalben, die zwar von osmanischen Künstlern
gestaltet, aber von Europäern in Auftrag gegeben wurden. Die Abbildungen sind
überwiegend von dokumentarischem und illustrativem Charakter.[2]
Beispielsweise thematisiert das von Franz Taeschner publizierte Kostümalbum das
vielfältige Istanbuler Hof- und Volksleben im 17. Jahrhundert.[3] Die
darin enthaltenen Abbildungen weisen eine auf wesentliche Bildelemente reduzierte
Formensprache auf, die auch auf eine Darstellung der osmanischen Ratsversammlung im
Correr Album zutrifft.[4]
Die Vorbilder für diese Abbildungen findet man in der osmanischen Miniaturmalerei des
späten 16. Jahrhunderts: Das obere Bildfeld einer osmanischen Miniatur aus dem
Şāhnāme-i Selīm Ḫān zeigt die auf einer Bank sitzenden Teilnehmer einer imperialen
Ratsversammlung im Topkapı Palast, die Sultan Selim II. von einem Fenster aus
beobachtet. Der Blick des Sultans fällt direkt auf seinen Großwesir, der von anderen
Wesiren und Hofbeamten umgeben ist.[5] Dieses Bildformular wurde offensichtlich auch auf die
Darstellung der Ratsversammlung im Bericht Schönwetters übertragen. Der Großwesir
ist auf der osmanischen Miniatur kaum von den anderen Wesiren zu unterscheiden,
während der Großbotschafter Ibrahim Pascha im Bericht Schönwetters deutlicher durch
seine sitzende Position hervorgehoben wird. Im Vergleich dazu zeichnet sich aber die
osmanische Miniatur einerseits durch die detaillierte Wiedergabe von Kostümen,
Gesichtern, Einrichtungsgegenständen und andererseits durch ihre lebendige
Farbigkeit aus.
Die imperiale Ratsversammlung war ursprünglich eine Versammlung von hohen
Staatsbeamten, die vom Sultan geleitet wurde. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts
waren die Zusammensetzung und Funktion der Ratsversammlung bereits festgelegt. Der
Großwesir löste den Sultan in seiner Rolle als Vorsitzender ab, die sich aus den mit
militärischen und politischen Aufgaben betrauten Wesiren, den militärischen
Richtern, administrativen und religiösen Beamten, dem Admiral der osmanischen Flotte
sowie gelegentlich aus dem Gouverneur von Rumelien und dem Agha der Janitscharen
zusammensetzte.[6]