Die Großbotschaft des Grafen Wolfgang IV. zu Oettingen-Wallerstein von Wien nach Konstantinopel (1699–1701)[1]

Tobias J. Bidlingmaier

Die Großbotschaft des Grafen Wolfgang IV. zu Oettingen-Wallerstein× (1629–1708) war auf kaiserlicher Seite die bis dato größte Großbotschaft und Teil des Friedensprozesses nach dem Großen Türkenkrieg (1683–1699), der mit dem Friedensvertrag von Karlowitz am 26. Jänner 1699 beendet worden war. Artikel 16 des Friedensvertrages legte die gegenseitige Entsendung einer Großbotschaft fest, „damit auch dieser Stillstand der Waffen und die gute Freundschafft zwischen beyden großmächtigsten Kaysern um so viel mehr bestätiget werde und zunehme.“[2] Bereits bei den Friedensverhandlungen nahe des Ortes Karlowitz× hatte Graf Wolfgang IV.× zusammen mit Graf Leopold von Schlick× (1663–1723) ab Herbst 1698 die Verhandlungen für Kaiser Leopold I.× (1640–1705) mit den osmanischen Gesandten Alexander Maurocordato× (1641–1709) und dem Reis Effendi Rami Mehmed Pascha× (1645–1706) geführt. Nach dem Friedensschluss wurde Wolfgang IV.× zum kaiserlichen Großbotschafter ernannt.

Nun folgten mehrmonatige Vorbereitungen, wobei der vorgesehene Abreisetermin im Juni 1699 nicht eingehalten werden konnte. Erst am 26. September erhielt Wolfgang IV.× die Abschiedsaudienz bei Leopold I.× in der Wiener Hofburg, wohin ersterer von seinem Gartenpalais in der Leopoldstadt aus mit seinem etwa 280 Personen umfassenden Gefolge gezogen war.[3] Diese Parade wurde auf einem Flugblatt bildlich festgehalten.[4] Nach einem weiteren Monat erfolgte am 20. Oktober die Abreise mit 40 Schiffen donauabwärts.[5] Die Großbotschaft erreichte am 30. November 1699 die Festung Peterwardein×. Am 7. Dezember fand die Grenzauswechslung mit der osmanischen Gegengesandtschaft unter der Leitung von Ibrahim Pascha× bei Slankamen× statt. Zwei Tage später kam die kaiserliche Großbotschaft in Belgrad× an. Es folgte eine beschwerliche Reise auf der Donau und durch das Balkangebirge, bis man am 26. Jänner Adrianopel× erreichte. Schließlich wurde die Gesandtschaft am 8. Februar von Großwesir Amcazade Köprülü Hüseyin Pascha× (1644–1702) mit einem Gastmahl empfangen und zog anschließend feierlich in Konstantinopel× ein. Von großer Bedeutung waren nun die Begrüßungsaudienzen beim Großwesir× und bei Sultan Mustafa II.× (1664–1703) sowie die Treffen mit anderen europäischen Diplomaten. Nach acht Monaten waren die diplomatischen Tätigkeiten vorläufig abgeschlossen, sodass am 11. Oktober 1700 die Rückreise angetreten werden konnte. Die kaiserliche und die osmanische Großbotschaft trafen sich am 4. Dezember bei Slankamen× zur erneuten Grenzauswechslung. Nach einer Quarantäne über Weihnachten wurde die kaiserliche Gesandtschaft schließlich am 29. Jänner 1701 wieder in Wien× empfangen.[6] Zentrale Anliegen waren die Audienz beim Sultan× zur Bestätigung des Friedensschlusses mit einer Geschenkübergabe, Verhandlungen über den Grenzverlauf und ein Gefangenenaustausch.[7] Der Friede markiert das Ende der osmanischen Expansion und sorgte für eine Annäherung des Osmanischen Reiches× an das politische System Europas. Er sicherte die Vormachtstellung des Habsburgerreiches in Osteuropa und sollte immerhin 17 Jahre lang währen.[8]

1. Großbotschaften als diplomatische Praxis der habsburgisch-osmanischen Beziehungen

Großbotschaften kamen im Zuge des diplomatischen Konfliktmanagements im 17. Jahrhundert auf. Sie waren zeitlich befristete Missionen auf höchster diplomatischer Ebene, wichtiger Bestandteil zur Friedenssicherung und zeichneten sich durch eine wachsende Zahl an Teilnehmern, einen wechselseitigen Austausch mit der Gegenpartei und einen wachsenden zeremoniellen Aufwand aus. Zu den Aufgaben gehörten die Übergabe von ratifizierten Verträgen und Beglaubigungsschreiben im Rahmen von offiziellen Empfängen, das Verehren von kostbaren Geschenken sowie die Klärung offener Fragen. Dabei nahmen symbolische Handlungen einen besonderen Stellenwert ein und ermöglichten die Generierung von symbolischem Kapital.[9]

Eine größere habsburgische Großbotschaft leitete bereits Adam Freiherr zu Herberstein (1577–1626), der zur Umsetzung des Friedens von Zsitvatorok im Jahr 1608 mit einem Gefolge von etwa 110 Personen nach Konstantinopel× gereist war.[10] Damit wurde eine fast 60 Jahre währende Friedensperiode zwischen Habsburg und dem Osmanischen Reich eingeleitet, in der wiederholt durch diplomatische Mittel Friedensverlängerungen erreicht wurden.[11] Die diplomatische Hierarchie lässt sich dabei in drei Stufen einteilen: Die Residenten in Konstantinopel× waren für das Tagesgeschäft zuständig, indem sie Informationen sammelten und politische und wirtschaftliche Interessen vertraten.[12] Die zweite Ebene waren Internuntien, die zu Beglückwünschungen bei Thronbesteigungen oder zur Ratifikation von Waffenstillständen entsandt wurden. Anzuführen sind hier die Gesandtschaft des Johann Jakob Kurtz von Senftenau (1583–1645) in den Jahren 1623 bis 1625 aus Anlass der Thronbesteigung Sultan Murats IV. [13] oder die Internuntiatur des Johann Rudolf Schmid zum Schwarzenhorn (1590–1667) im Jahr 1649.[14] Zur höchsten Ebene entwickelten sich die Großbotschaften, die nach erfolgreichen Friedensschlüssen erfolgten und unter höchstem repräsentativem Aufwand die Ratifizierungen überbrachten.[15] Nach dem Frieden von Wien (1615) führte Graf Hermann Czernin von Chudenitz× (1576–1651) in den Jahren 1616/17 eine 150-köpfige Gesandtschaft nach Konstantinopel×, wobei der Einzug mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen zu einem Tumult führte.[16] Nach den Verträgen von Gyaramt 1625 und Szöny 1627 zur Friedensverlängerung reiste Freiherr Hans Ludwig von Kuefstein (1582–1656) in den Jahren 1628/29 mit circa 100 Personen und 13 Schiffen nach Konstantinopel×, während Recep Agha nach Wien× kam.[17] Graf Czernin von Chudenitz× führte in den Jahren 1644/45 seine zweite Gesandtschaft zu Sultan Ibrahim I. mit über 150 Personen und elf Schiffen durch, um einen osmanischen Schulterschluss mit dem Fürsten von Siebenbürgen György I. Rákóczi (1593–1648) und einen Krieg gegen das Habsburgerreich zu verhindern. Er kehrte erfolgreich mit dem osmanischen Botschafter Jusuf Pascha und dessen 150-köpfigem Gefolge nach Wien zurück.[18] Schließlich folgte wenig später die Großbotschaft von Johann Rudolf Schmid zum Schwarzenhorn in den Jahren 1650/51 mit 150 Personen, wobei es wieder zu einem Austausch mit der osmanischen Großbotschaft unter Hasan Pascha bei Szöny× kam.[19] Nach dem kurzen Vierten Österreichischen Türkenkrieg und dem Frieden von Eisenburg brach der kaisertreue Schotte und Verschwörer gegen Wallenstein Walter Leslie× (1607–1667) im Jahr 1665 mit über 150 Personen und 36 Schiffen nach Konstantinopel× auf, während Kara Mehmed Pascha mit knapp 300 Personen nach Wien× kam.[20] Fast 20 Jahre nach der Oettingischen Großbotschaft zog Damian Hugo von Virmont× (1666–1722) nach dem Frieden von Passarowitz in den Jahren 1719/20 mit über 500 Personen und 70 Schiffen als Großbotschafter nach Konstantinopel×, während der Gegenbotschafter Ibrahim Pascha× sogar mit 763 Personen in Wien× logierte.[21] Weitere 20 Jahre später leitete Anton Corfiz Graf Ulfeld (1699–1769) eine Großbotschaft.[22] Die Oettingische Großbotschaft war mit dem 280-köpfigen Gefolge also die bisher größte Großbotschaft, auch wenn die nachfolgende Gesandtschaft des Grafen von Virmont noch einmal deutlich umfangreicher war. Auffällig ist außerdem, dass die osmanischen Gegenbotschaften tendenziell eine größere Personenzahl umfassten, obwohl die Symbolik auf Parität ausgerichtet war.[23]

2. Forschungsstand

Mit den im 19. Jahrhundert entstandenen Gesamtdarstellungen der Geschichte des Osmanischen Reichs fand die Großbotschaft des Grafen zu Oettingen-Wallerstein× erstmals Eingang in die Forschung. Als bedeutendes Werk ist hierbei Band sieben von Joseph von Hammer-Purgstalls Geschichte des osmanischen Reiches hervorzuheben.[24] Als zentrale Quelle wurde der Reisebericht des Neresheimer Abts Simpert Niggl× (1654–1711) verwendet, der als Prälat mitgereist war. In zahlreichen Überblickswerken wurden dagegen bei der Behandlung des Friedens von Karlowitz die beiden anschließenden Großbotschaften nicht berücksichtigt.[25] Seit den 1960er Jahren fand mit dem zunehmenden Interesse an kulturellen Austauschprozessen die Großbotschaft Eingang in verschiedene Werke zur habsburgischen Diplomatiegeschichte.[26] Im Rahmen der Ausstellungseröffnung „Diplomaten und Wesire“ hat Volker von Volckamer eine fundierte Abhandlung über die Botschaftsreise des Grafen Wolfgang zu Oettingen vorgelegt.[27] Inga Pohlmann hat im Jahr 2005 die Reisebeschreibung von Abt Simpert Niggl× ediert und mit einem Kommentar versehen.[28] Im Rahmen ihrer Dissertation untersuchte die Kunsthistorikerin Nina Trauth einen um 1700 entstandenen orientalischen Gemäldezyklus des Grafen zu Oettingen×. Der in Wien tätige Hofmaler Frans van Stampart× schuf großformatige Bildnisse des Grafen×, vom osmanischen Gegenbotschafter Ibrahim Pascha× sowie Bildnisse von Kavalieren und orientalischen Würdenträgern.[29] In der Ausstellung „Wege zum Frieden“ im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster wurde die Großbotschaft berücksichtigt.[30] Arno Strohmeyer hat im 2020 veröffentlichten Tagungsband zum Friedenskongress von Karlowitz die symbolische Kommunikation untersucht.[31] Ana Milosevic widmete sich der grafischen Repräsentation von Empfängen.[32]

Arwed Koch beschäftigte sich anlässlich der Herstellung eines Zinnfiguren-Dioramas mit der Kleidung der Großbotschaft.[33] Im wissenschaftlichen Diskurs untersuchte Christine Vogel im Rahmen der Neuen Diplomatiegeschichte den Zusammenhang von Bekleidung und Diplomatie anhand des französischen Gesandten in Konstantinopel× Charles de Ferriol×, dem kurz vor der Ankunft des Grafen zu Oettingen× wegen Tragens eines Schwerts die Audienz beim Sultan× verwehrt worden war.[34] Bekannt ist die Darstellung Wolfgangs IV.× in türkischem Kaftan und ungarischer Mütze mit Reiherfedern, die in verschiedenen Arbeiten Eingang fand.[35] Schließlich ging Ralf Martin Jäger im Jahr 2023 unter Einbeziehung archivalischer Quellen des Haus-, Hof- und Staatsarchivs auf musikwissenschaftliche Aspekte ein.[36]

3. Habsburgische Überlieferung

Die schriftliche Hauptüberlieferung der habsburgischen Großbotschaft befindet sich einerseits im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien und andererseits im Fürstlich Oettingen-Wallersteinschen Archiv Harburg. Im Haus-, Hof- und Staatsarchiv enthält der Bestand „Diplomatie und Außenpolitik: Außerdeutsche Staaten, Turcica I der Reichshofkanzlei / des Hofkriegsrates (1521–1740)“ fünf Kartons mit Akten über die Großbotschaft.[37] Die Akten sind weitgehend chronologisch geordnet. Inhalt und Adressaten sind jedoch vielfältig, wodurch sich der Bestand teilweise als unübersichtlich erweist. Enthalten sind Schreiben von ausländischen Diplomaten wie den Vermittlern William Paget× (1637–1713) und Jacobus Colyer× (1657–1725) oder dem osmanischen Dragomanen Alexander Maurocordato×, außerdem Antwortentwürfe. Es findet sich interne Korrespondenz zwischen den verschiedenen zuständigen Stellen der habsburgischen Verwaltung mit dem Hofkriegsrat als Mittelpunkt, darunter mit den militärischen Befehlshabern an der Ostgrenze, zwischen dem Hofkriegsratspräsidenten Ernst Rüdiger von Starhemberg und Leopold I.×, Schreiben an den Grafen zu Oettingen×, Geschenklisten und Konferenzschriften. Den Auftakt für die offizielle Korrespondenz zwischen dem Großbotschafter und der kaiserlichen Kanzlei bildet eine Kopie der Instruktion des Hofkriegsrates vom 24. September 1699.[38]

Ein Index zählt 37 Relationen, die von Wolfgang IV.× zwischen dem 27. Oktober 1699 und dem 21. Jänner 1701 abgesendet wurden und bietet außerdem kurze Extrakte.[39] Alle im Index aufgeführten Relationen sind in Wien erhalten und entsprechend nummeriert. In der aktentechnischen Entstehungsstufe handelt es sich um Ausfertigungen. Bei einer Mitzählung der Postskripta, die mit „P. S.“ abgekürzt werden und Ergänzungen oder vergessene Informationen enthalten, ergibt sich sogar eine Anzahl von 48 Relationen. Eine weitere Relation befindet sich nur als Konzept im Wallersteinschen Archiv,[40] eine zur Absendung vorbereitete Relation wurde nicht abgeschickt.[41]

Relationen sind Schriftstücke der Unterordnung, also in diesem Fall regelmäßige Berichte des Sondergesandten an die übergeordnete Zentrale – den Kaiser.[42] Sie können unter die Kategorie Briefe gezählt werden, auch wenn sich eine grundsätzliche Definition als schwierig erweist. Bei einem Brief handelt sich um einen schriftlichen Vorgang zwischen zwei Partnern, die sich in Form von Sender und Empfänger manifestieren. Briefe haben eine Übermittlungsfunktion in Form der Distanzüberbrückung, die mit einem Phasenverzug einhergeht.[43]

Die Relationen wurden von der Kanzlei geschrieben, die die Großbotschaft begleitete. Dem Legationssekretär Richard Macari× standen die beiden Hof- und Feldkriegskanzlisten Antoni Boihson und Ignatio Mozzi zur Seite.[44] Die Beförderung erfolgte durch Kuriere, die teils auf dem Praesentatum-Vermerk auf dem oberen Rand der ersten Seite festgehalten sind. Traditionell wurden die an den Kaiser gerichteten Schreiben durch den Reichsvizekanzler geöffnet, der auch den Einlaufvermerk setzte.[45] Die Relationen sind im kanzleimäßigen Folioformat gehalten. Der Umfang der einfach gefalteten Bögen beträgt zwischen zwei und 30 Seiten. Wie bei Diplomatenberichten üblich, nimmt der Text die ganze Seitenbreite ein. Die Relation beginnt mit einer Inscriptio, die durch kalligrafisch verzierte Initialen und größerer Schrift hervorgehoben wird. Sie gliedert sich in eine erste und zweite Anrede. Die Titulatur des Kaisers× zeigt zu Beginn die Würde und den Stand des Empfängers an: „Allerdurchleuchtigst großmächtigst undt unüberwindtlichster römischer kayßer, auch zu Hungarn undt Böheimb könig“ Es folgt eine Verhältnisbestimmung zum eigenen Rang, in diesem Fall gegenüber Höherrangigen: „Allergnädigster herr herr!“[46] Die Verdopplung der Anrede „Herr“, die jedoch nicht bei jeder Relation vorkommt, dient der zusätzlichen Betonung der Würde und Unterordnung. Ebenso ist der nachfolgende „Respektabstand“ als gebührende Distanz zum Empfänger zu werten, wobei dieser bei den Relationen unterschiedlich groß ausfällt. Es folgt der inhaltliche Teil, der von einem Kanzleischreiber in einer deutschen Kurrentschrift geschrieben wurde. Die Relationen enden mit der sogenannten Courtoisie, die sich aus mehreren voneinander getreppten Elementen zusammensetzt. Datum und Ort wurden in einer modernen Datumsschreibweise als Finaldatierung in der linken unteren Ecke vom Schreiber eingefügt, wobei einzelne Monatswörter oftmals durch römische oder arabische Ziffern abgekürzt wurden (7bris = Septembris; 8bris = Octobris; 9bris = Novembris; Xbris = Decembris). Noch etwas tiefer abgesetzt schrieb Wolfgang zu Oettingen× die Diensterfüllungsformel und die Unterschrift eigenhändig in die rechte untere Ecke: „Euro rom[isch] kay[serlichen] may[estät] allerundterthenigst gehorsambster Wolff g[raf] z[u] Öttingen.“ Die Unterschrift endet mit einem Manu-Propria-Gitter zur Dokumentation der Eigenhändigkeit. Die Platzierung am unteren Blattrand symbolisiert Ehrerbietung.[47] Teilweise ergänzte der Graf× die Relationen um einige Zeilen mit persönlichen Anliegen. Die von der Kanzlei als offizielle Relationen gelisteten Schreiben vom 26. November 1700 und 17. Dezember 1700 wurden mit einem Umfang von jeweils drei Seiten von Graf Wolfgang× sogar eigenhändig geschrieben, wovon das letztere nicht an den Kaiser×, sondern an den Hofkriegsrat gerichtet ist.[48] Es ist davon auszugehen, dass die Abfassung der Berichte durch eine Mehrautorschaft geschah. Insbesondere der Sekretär der orientalischen Sprachen Johann Adam Lachowitz× dürfte hier neben den Kanzleischreibern beteiligt gewesen sein.[49]

Reskripte sind geschlossene Kanzleischreiben, die Weisungen des Herrschers an einen Amtsträger oder eine Behörde transportieren. Sie zeichnen sich durch eine verkürzte Intitulatio des Herrschers aus, außerdem wird der Angesprochene geduzt, was eine Höherstellung des Senders zum Ausdruck bringt.[50] Im vorliegenden Fall wurden die Reskripte von der Zentralbehörde im Namen des Kaisers an den Großbotschafter expediert. Es konnten jedoch keine Ausfertigungen aufgespürt werden. Der Index im Wallersteinschen Archiv verzeichnet 18 Reskripte, die dort nicht erhalten sind.[51] Ein Teil findet sich jedoch als Duplikate im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien: Eine Instruktion, elf Reinkonzepte und ein Konzept mit Streichungen. Während das Schreiben vom 28. Dezember 1699 nicht auf der Liste aufgeführt ist, fehlen sieben Schreiben des Jahres 1700 vom 20. Februar, 25. März, 9. September, 14. Oktober, 14. Dezember, 23. Dezember und 28. Dezember. Die fehlenden Schreiben aus der zweiten Jahreshälfte umfassten zwischen zwei und vier Bögen.[52] Teilweise waren Beilagen beigegeben, deren Zahl ebenfalls in der Liste vermerkt ist.

Die Konzepte sind halbbrüchig beschrieben. Auf der linken oberen Seite wurden Empfänger, Datum, außerdem eine laufende Nummerierung vermerkt. Die Kurialien, also Intitulatio sowie die Personentitel im Text sind hier gekürzt. Die Intitulatio beschränkt sich auf „Leopold etc.“, während Personentitel vor dem Namen mit der Sigle „/:titl:/“ abgekürzt wurden. Für die Ausfertigung waren diese anhand eines Titularbuches zu ergänzen. Auch die Gnadenversicherung am Ende ist abgekürzt. Bis auf die Kürzungen entsprach der Haupttext weitgehend der Ausfertigung.[53]

Die wichtigsten Verträge befinden sich im Urkundenselekt „Türkische Urkunden und Staatsschreiben“, darunter die Friedensverträge von Karlowitz,[54] Verträge zur Grenzziehung und Abkommen der Grenzscheidungskommission von 1699 und 1700,[55] der Vertrag zur Befreiung der beiderseitigen Gefangenen mit Ibrahim Pascha vom 26. Juli 1700,[56] Schreiben von Sultan Mustapha II. an Leopold I.× mit dem Rekredentiale für den kaiserlichen Botschafter vom September 1700,[57] der Erlass zum Schutz des römisch-katholischen Glaubens im Osmanischen Reich vom Oktober 1700[58] und die Regelung des Handels.[59]

Die Akten des Fürstlich Oettingen-Wallersteinschen Archivs sind seit 1991 auf der Harburg deponiert, wo sich auch das Oettingen-Spielbergsche Archiv befindet. Das Archiv lagerte zuvor in Schloss Wallerstein.[60] Graf Wolfgang× brachte seine Akten von der Großbotschaft wieder zurück nach Wien×, wo er auch 1708 verstarb. Kurz vor dem Tod des Sohnes Dominicus× wurden 1717 Teile der Akten an Karl Ludwig von Sinzendorf× (1652–1722) abgegeben, der ebenfalls bei der Großbotschaft dabei war.[61] 1772 wurden Teile der Gemälde in der Sattelkammer des Gartenpalais nach Schloss Wallerstein und Schloss Hohenaltheim überführt. So dürfte bis zu diesem Zeitpunkt auch der Nachlass von Wolfgang IV.× nach Wallerstein gebracht worden sein.[62]

In den Akten findet sich eine Liste, auf der die Instruktion vom 24. September 1699, 32 Berichte Wolfgangs IV. an Leopold I.× zwischen 4. Dezember 1699 und 21. Jänner 1701, eine Geschenkliste und eine Teilnehmerliste, sowie 18 vom Kaiser empfangene Berichte zwischen 27. Oktober 1699 und 28. Dezember 1700 aufgeführt sind. In den Wallersteinschen Akten sind lediglich einige Kopien oder Entwürfe der offiziellen Schreiben an den Kaiser erhalten. Nichtsdestotrotz bietet der Nachlass relevante Ergänzungen zu den Wiener Akten.

Es handelt sich um Akten rund um den Gefangenenaustausch, darunter Bittschriften und Gefangenenlisten,[63] eine Plansammlung mit rund 30 Karten,[64] Korrespondenz mit dem Grafen Luigi Marsigli× als Bevollmächtigter der Grenzkommission, mit dem Festungskommandanten von Peterwardein Baron Dietrich de Nehem×, Obristleutnant Baron Fieger, General Graf Guido von Starhemberg, dem Hofkriegsratspräsidenten Ernst Rüdiger von Starhemberg, General Jean-Louis de Rabutin in Siebenbürgen und Graf Leopold von Schlick×,[65] Korrespondenz mit dem englischen Legationssekretär Georg Philipp Albert Schreyer, dem englischen Botschafter William Paget×, dem niederländischen Botschafter Jacobus Colyer× auf Französisch und Italienisch, dem osmanischen Ansprechpartner Alexander Maurocordato× auf Latein, und mit Leopold I.× [66] 51 osmanische Schriftstücke[67], die Reise- und Küchenrechnungen der Großbotschaft[68] sowie das Besoldungs- und Abrechnungsbuch[69] runden die Überlieferung ab. Die umfangreichen Korrespondenzen des Grafen zu Oettingen× mit seiner Frau Anna Dorothea×,[70] seinem Bruder Ignaz× [71] und seinem Sohn Dominicus×,[72] der mitgereist war, belegen die familiären Netzwerke, die er auch von Konstantinopel× aus pflegte.

Von besonderem Interesse ist die eigenhändige Korrespondenz zwischen Leopold I.× und Wolfgang IV.× Es haben sich verstreut sechs eigenhändige Briefe von Leopold I.× zwischen 16. September 1699 und 15. Oktober 1700 erhalten.[73] Ein weiteres eigenhändiges Schreiben des Kaisers vom 26. Juli 1699 findet sich zudem im Haus-, Hof- und Staatsarchiv. Es kann der Kürze wegen auch als Billet bezeichnet werden.[74] Umgekehrt existieren vier eigenhändige Konzepte von Wolfgang IV.× an Leopold I.× [75]

Bei schätzungsweise zwischen 30.000 und 35.000 eigenhändig verfassten Briefen des Kaisers× ist der Empfang eigenhändiger Briefe kein Alleinstellungsmerkmal des Grafen zu Oettingen×. Trotzdem gehörte er schon früh zum näheren Umfeld des Kaisers×, wie etwa 50 erhaltene Briefe aus der Zeit zwischen 1664 und 1702 belegen.[76] Zeitgenössische Transkriptionen erleichtern das Lesen der schwierigen Schrift und belegen, dass sich bereits die Zeitgenossen mit der Entschlüsselung schwertaten.[77] Vermutlich wurden die Schreiben bereits von einem Sekretär im Umfeld des Kaisers transkribiert und dann zusammen mit den kaiserlichen Schreiben nach Konstantinopel× geschickt. Die erhaltene Korrespondenz ist nicht vollständig. In der Relation vom 26. Juni 1700 bedankte sich nämlich Graf Wolfgang× für „beyde allergnädigste rescripta de datis 25. und 26. May sambt einem allergnädigsten handtbriefflein von dem 27. eiusdem.“[78] Demnach müsste also auch ein eigenhändiges Schreiben Leopolds I.× vom 27. Mai 1700 existiert haben.[79] Die Stelle belegt, dass die persönlichen Briefe zusammen mit der offiziellen Korrespondenz von Kurieren transportiert wurden. Auch Leopold I.× bestätigte dies: „Weillen ich bey jüngst abgefertigten curier von meinen lieben gösten bin verhindert worden, euch eigenhendig zu schreiben.“[80]

Die Briefe Leopolds I.× weisen am oberen Rand mittig ein gezeichnetes Kreuz auf. Darunter folgt auf ganzer Breite das Textfeld. Die Briefe beginnen mit der Anrede „Lieber graf zu Öttingen“. Die goldglänzende Schrift wurde durch die Verwendung von goldglänzendem Streusand erzeugt und diente zur Ablöschung flüssiger Tinte. Die Schreiben enden mit der Gnadenversicherung „Und verbleibe euch mit kay. hulden und genaden wol gewogen“, dahinter folgen unmittelbar Ort und Datum. Die Unterschrift links direkt unter dem Text nimmt einen Ehrenplatz ein und zeugt von der ranghöheren Position des Kaisers×.[81] Die Schreiben sind teilweise adressiert und mit einem roten Wachssiegel versehen: „Meinem geheimen raths reichs hoff raths praesidenten und orator an der ottmanischen Porten Wolfen grafen zu Oettingen“.[82] Aufschlussreich sind auch die Absendeorte: Favorita× (26. Juli 1699), Ebersdorf× (16. September 1699), Ebersdorf× (7. Oktober 1699), Wien× (28. Oktober 1699), Favorita× (29. Juli 1700), Favorita× (11. September 1700), Wien× (15. Oktober 1700). Diese spiegeln den Jahresablauf des kaiserlichen Hofes wider: Im Herbst befand sich der Kaiser× in Schloss Kaiserebersdorf×, im Winter in der Wiener Hofburg×, im Frühjahr in Schloss Laxenburg× und im Sommer in der neuen Favorita×.[83] Wolfgang IV.× erhielt die Schreiben auf Deutsch, auf ihn trafen in der Zeit als Großbotschafter zwei Eigenschaften zu, denn er war sowohl Botschafter Leopolds I.× im Ausland als auch hoher Amtsträger am Kaiserhof. Der Erhalt der kaiserlichen Briefe bedeutete einerseits einen symbolischen Ehrerweis, andererseits hielten diese dem Kaiser× auch besondere Kommunikationskanäle offen. Es zeigt sich dabei einmal mehr die Problematik der scharfen Trennung von Amtlichkeit und Privatheit.[84] Inhaltlich umfasst die Korrespondenz die Verärgerung des Grafen zu Oettingen× über die verspätete Abreise von Wien× im Herbst 1699, politisch brisante Themen wie die Prätention einer anonymen Person auf den Thron des regierenden Fürsten in der Walachei, die Besetzung der Stelle des Reichshofratsvizepräsidenten, die Bestellung eines ständigen Residenten in Konstantinopel×, die Auslösung der Gefangenen und die Organisation der Abreise aus Konstantinopel×. Sie bietet somit bemerkenswerte Ergänzungen zur offiziellen Kommunikation.

Als Nebenüberlieferung sind die nur fragmentarisch erhaltenen Akten des Wiener Hofkriegsrats – zuständige Stelle für die Leitung der Ostdiplomatie – im Kriegsarchiv[85] sowie Akten im Landesarchiv Schleswig-Holstein anzusehen, da Prinz Adolph August von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Plön als Kavalier an der Großbotschaft teilnahm.[86] Mit etwas zeitlichem Abstand ist die Großbotschaft Gegenstand in Zeremonienbüchern und Geschichtswerken diverser Länder.[87] In der Staatsbibliothek zu Berlin befinden sich zwei Karten, auf denen die Marschroute der Hin- und Rückreise der Großbotschaft zwischen Belgrad× und Konstantinopel× eingezeichnet ist.[88]

Die diplomatische Mission war auch ein mediales Ereignis, wovon die zahlreichen Zeitungs- und Reiseberichte zeugen. Insbesondere eine höfische Öffentlichkeit verfolgte aufmerksam die Berichte über die Sondergesandtschaften, die oftmals von mitreisenden Predigern verfasst wurden. Die Beschreibung zeremonieller Handlungen sollte dabei die Stellung der Akteure widerspiegeln.[89] Neben den Berichten des Neresheimer Abts Simpert Niggl× und von Johann Baptist Schönwetter [90] erschien im Jahr 1700 in Leipzig eine „Curiose und eigentliche Beschreibung“ zusammen mit dem Bericht des Jesuiten Paul Tafferner über die Großbotschaft von Walter Leslie×.[91] Eine Serie von insgesamt zehn gedruckten Relationen wurde während der stattfindenden Großbotschaft in Wien veröffentlicht und informierte zeitnah über die Vorkommnisse in Konstantinopel×. Der Autor verfügte über detaillierte Informationen, die er über Kuriere von einem Teilnehmer der Botschaft erhielt. Dies deutet auf eine Person im höfischen Umfeld hin. Möglicherweise hatte er auch Zugriff auf die Berichte des Grafen zu Oettingen×.[92] Eine Reihe von Berichten wurde unter anderem von Legationssekretär Macari× auf Italienisch publiziert, was ebenfalls auf einen höfischen Rezipientenkreis deutet.[93] Auf ein breiteres Publikum zielte durch die geringeren Anschaffungskosten die Flugpublizistik ab,[94] die über den Karlowitzer Friedensvertrag[95] und die Oettingische Großbotschaft berichtete.[96]

4. Aspekte der kaiserlichen Großbotschaft

4.1 Transport und Logistik

Die Reise der 277 Teilnehmer – es lassen sich lediglich sechs Frauen als Wäscherinnen identifizieren – erforderte einen großen logistischen Aufwand.[97] Der Hofkriegsrat meldete am 13. Juli dem Obristschiffleutnant Johann Ludwig Gössinger, dass für die Großbotschaft „vierzig taugliche schiff sambt schiffleüthen, und aller zuogehör erfordert, und begert werden.“[98] Für die Bereitstellung der notwendigen finanziellen Mittel sollte die Hofkammer sorgen.[99] Eine „Schiffordnung“ gibt Aufschluss über die Aufteilung der Schiffe. 15 Schiffe waren für den Transport des Großbotschafters×, der Edelleute und Kavaliere vorgesehen. 13 Schiffe dienten der Versorgung, darunter ein Mundküchel-, Tafel-, Back- und Kellerschiff. Neben zwei Musikantenschiffen gab es ein Präsentschiff, ein Arztschiff, zwei Schiffe für Trabanten, ein Schiff mit raizischen[100] Geistlichen, ein Schiff mit türkischen Gefangenen, ein Hundeschiff und drei Schiffe mit Wägen.[101]

Am 20. Oktober erfolgte endlich die Abreise. Jedoch ging die Reise nur langsam voran. Aus Wukowar× berichtete Wolfgang IV.× am 17. November: „Biß dahin ich der mit meiner größten beschwährnuß allbereith vier wochen, wegen der grossen windt und nebel in schwähren unkosten auff dem wasser lige.“ Der Graf× beklagte außerdem die verzögerte Abfahrt aus Wien× und die daraus resultierenden finanziellen Nachteile. Hinzu kam eine Lohnforderung der Schiffleute, die eine faire Bezahlung und Wartegeld forderten und mit Kündigung drohten.[102] Nach der Auswechslung mit der osmanischen Großbotschaft bei Slankamen× am 7. Dezember kam es in der darauffolgenden Nacht zu einem großen Sturm, wie Abt Simpert× berichtete.[103] Unwetter erschwerten also die Reise. Am 23. Dezember kam es zu einem Unglück bei Caratam.[104] Ein Sturm ließ elf Schiffe sinken, wovon acht als Totalverlust abzuschreiben waren. Trotzdem ging die Sache noch einmal glimpflich aus, denn die Schiffe – insbesondere das Präsentschiff – hatten rechtzeitig entladen werden können. Schließlich entschied sich der Graf× am 27. Dezember zum Wechsel auf den Landweg, „wobei der weeg dergestalllt verderbet, daß nicht wohl möglich ist, den tag über 1 1/2 oder höchstens 2 meyll zu machen.“[105]

Nach der Ankunft in Konstantinopel× am 8. Februar 1700 erfolgte am 11. Oktober desselben Jahres die Rückreise per Landweg über Sofia. Zu Verzögerungen der Abreise führte unter anderem die stattliche Anzahl der Zugtiere und Wägen, die erst beschafft werden mussten.[106] Der Winter machte das Reisen beschwerlich. Tagsüber schneite es fast ununterbrochen und zum Nachtlager musste selbst der Großbotschafter× einmal in einem Stall übernachten.[107] Krankheiten und Epidemien wurden besonders von Wien× aus sehr ernst genommen, was bei Graf Wolfgang× aufgrund keinerlei Krankheitsfälle im Gefolge auf Missfallen stieß. In einem eigenhändig verfassten Schreiben an den Hofkriegsrat bat er, die Quarantäne auf den 2. Jänner 1701 zu beschränken.[108] Als Oettingen× keine Antwort erhalten hatte, verfasste er am 23. Dezember ein weiteres Schreiben, in dem er nun nachdrücklicher die Argumente für eine Verkürzung der Quarantäne aufzählte.[109] Die Eingabe hatte Erfolg. Am 28. Dezember wurde dem Grafen× die kaiserliche Erlaubnis erteilt, nach Wien× aufzubrechen und am 5. Jänner 1701 erfolgte die Abreise.[110]

Während der gesamten Großbotschaft stand Wolfgang IV.× im schriftlichen Austausch mit Wien. Dafür wurden Erasmo Noel, Sotero d’Apostoli und Thomas Admiraldi als feste Boten angestellt.[111] Die von der Großbotschaft nach Wien× geschickten Relationen wurden jeweils mit einem Praesentatum-Vermerk bestehend aus Sender, Absendedatum, Absendeort, Empfangsdatum und teilweise den überbringenden Kurier versehen. Als weitere Kuriere werden Bittard und Selzer genannt, außerdem gab man osmanischen Boten Post mit.[112]

Die Transportdauer der Briefe nahm zu, je weiter sich die Großbotschaft von Wien× entfernte. Bis Belgrad× war die Übermittlungsdauer mit maximal neun Tagen recht kurz. Bis zur Grenze wurde auf das bestehende Postsystem zurückgegriffen. Am längsten war die Relation aus Rustschuk× vom 11. Jänner 1700 mit 44 Tagen unterwegs, was der Abgelegenheit des Ortes und der Jahreszeit geschuldet war. Der Bericht kam sogar später als die nachfolgende Relation aus Adrianopel× in Wien× an. Ferner fällt auf, dass mehrere Schreiben unterschiedlichen Datums ein gleiches Eingangsdatum besitzen, so die Relationen vom 23. April und 10. Mai 1700 oder vom 22. August, 27. August und 4. September. Die Relationen wurden also nicht immer sofort expediert, sondern gesammelt und dem nächstverfügbaren Kurier mitgegeben. Dies hatte zur Folge, dass manche Berichte erst nach über einem Monat in Wien× ankamen. Berücksichtigt man nur die jüngsten Schreiben eines Pakets, lag die Transportdauer zwischen Wien× und Konstantinopel× zwischen 14 und 31 Tagen. Die durchschnittliche Reisedauer der zehn zwischen 23. Februar und 18. September von Konstantinopel× nach Wien× abgegangenen Kuriere betrug 20 Tage.

4.2 Gefangenenaustausch

Artikel XII. des Friedensvertrags von Karlowitz unterschied zwischen öffentlichen und privaten Gefangenen. Erstere sollten gegeneinander ausgetauscht, letztere gegen ein Lösegeld befreit werden dürfen. Damit kam der Artikel einer rechtlichen Grundlage für eine Universalauswechslung schon recht nahe.[113] Die Instruktion an den Grafen zu Oettingen enthielt den Auftrag, in Verhandlungen mit dem Sultan× und dem Großwesir× zu treten, um die Auslösung sowohl der öffentlich als auch privat Gefangenen und einen Austausch gegen eigene Gefangene zu erwirken. Unterstützung bot ferner der Trinitarier-Orden.[114]

Für einen Austausch musste zunächst die Zahl an osmanischen Gefangenen im Habsburgerreich ermittelt werden, wozu im Februar 1699 Abfragen durchgeführt wurden, so in Komorn× [115] und Ofen[116]. Die gemeldeten Zahlen blieben aber ziemlich gering.[117] Auf der anderen Seite wusste man von über 30 höherrangigen Gefangenen im Siebenturm-Gefängnis in Konstantinopel×, darunter vor allem Offiziere.[118] Auch Bittschriften von Gefangenen und deren Angehörigen erreichten den Hofkriegsrat und den Großbotschafter.[119]

Ein erster Gefangenenaustausch war von kaiserlicher Seite bereits im Zuge des Austausches der Großbotschaften bei Slankamen× im Dezember 1699 geplant, worüber jedoch keine Einigung zustande kam. Nach der Grenzauswechslung mit Ibrahim Pascha× beklagte der Graf zu Oettingen×, dass die Auswechslung zu schnell vonstattengegangen wäre, sodass keine Zeit für Verhandlungen übriggeblieben sei. Schließlich gab es ein Angebot des Achmet Effendi, 19 Offiziere und 60 weitere Gefangene in Belgrad× gegen 103 mitgeführte Türkinnen und Türken zu Essek×, 20 Personen in Peterwardein× und weitere 235 Personen in umliegenden Ortschaften auszutauschen.[120] Von kaiserlicher Seite wurde dem Vorschlag zugestimmt,[121] sodass der Austausch am 17. Jänner mit General de Nehem× erfolgreich vollzogen werden konnte.[122]

Während der Hinreise fanden sich immer wieder christliche Gefangene bei der Großbotschaft ein, die Zuflucht suchten.[123] Nach dem Einzug in Konstantinopel× am 8. Februar erlebte die kaiserliche Großbotschaft einen regelrechten Ansturm von privaten Gefangenen. So befanden sich dort Ende Februar schon über 130 Menschen. Das Fehlen finanzieller Mittel und die hohen Kosten für den Loskauf aller Personen bereiteten dem Großbotschafter× Sorgen, während es osmanischerseits zu Beschwerden und Sanktionen wie dem Austausch der Quartierwache kam.[124] Bezüglich der öffentlichen Gefangenen traten der Großbotschafter×, Sprachsekretär Lachowitz× und Karl Ludwig von Sinzendorf× in langwierige Verhandlungen mit Reis Effendi Rami Mehmed Pascha× [125], Alexander Maurocordato× und Großwesir Amcazade Köprülü Hüseyin Pascha×.[126] Währenddessen wurde in Wien× ein Vertrag zwischen Ibrahim Pascha× und dem Kaiser× beraten.[127]

Im Juni waren 91 deutschsprachige Soldaten und 26 Ungarn zur Absendung nach Belgrad× vorgesehen.[128] Daneben war Pater Joseph vom Trinitarierorden zusammen mit dem Sprachknaben Wolfgang Canti und insgesamt 356 Personen über die Walachei×, Siebenbürgen× und Oberungarn nach Wien× unterwegs.[129] Die Herkunft der Personen setzte sich zusammen aus 96 Personen aus Ober- und Niederösterreich, 60 Personen aus Böhmen, Mähren und Schlesien, 11 Neumärkter, Kärntner, Krainer und Tiroler, 68 aus dem Reich und anderen ausländischen Orten, 88 Ungarn, Kroaten und Siebenbürger, 23 Polen und Russen.[130] Davon waren 255 erlöste Christen, 50 von den Galeeren erlöste, 26 Ungarn und 25 unterschiedliche Bedienstete. Es handelte sich insgesamt um 223 Männer, 96 Frauen und 12 Kinder.[131] Ein Zwischenfall, bei dem die von Ibrahim Pascha× abgeschickten 200 Gefangenen in Peterwardein× vor der Grenze wegen fehlender Pässe aufgehalten worden waren, sorgte für eine Unterbrechung des Gefangenenaustausches. Erst nach dem Eintreffen der Bestätigung über die Abfertigung der Gefangenen von Peterwardein× nach Belgrad× am 25. Juni konnten am darauffolgenden Tag Schiffe mit freigekauften Flüchtlingen ins Fürstentum Moldau× geschickt werden.[132]

Eine Einigung beider Parteien über einen Universalaustausch erwies sich als schwierig. Daher schloss der Kaiser× am 26. Juli mit Ibrahim Pascha× einen Vertrag zur Befreiung der beiderseitigen Gefangenen. Diesen sollte Oettingen× dem Großwesir× zustellen und ratifizieren lassen.[133] Bei einem Empfang Oettingens× am 2. September gaben Großwesir Amcazade Huseyin× und der Reis Effendi× jedoch vor, von dem Vergleich bisher keine Nachricht zu haben.[134] Mitte September beliefen sich die Ausgaben zum Freikauf von Gefangenen auf insgesamt 23.000 Gulden.[135] Der Graf× klagte über die Verschleppung der Verhandlungen. Grund war die Zurückhaltung von osmanischen Gefangenen bei Peterwardein×, die für Christen gehalten wurden.[136] Die auf einer Liste vom 25. September aufgeführten 90 öffentlichen Gefangenen kamen so erst am 31. Oktober in Belgrad× an.[137]

Auf der Rückreise der Großbotschaft konnten 70 erlöste Christen mitgeführt werden.[138] Bei der erneuten Auswechslung der Großbotschaften bei Slankamen× sorgten schließlich Differenzen beim Gefangenenaustausch für einen diplomatischen Tiefpunkt. Die kaiserliche Seite befürchtete, dass Ibrahim Pascha× geborene Christen mitführe. Daher wurden unter Befürwortung Leopolds I.× [139] in Essek× und Peterwardein× die osmanische Großbotschaft kontrolliert und 14 Personen einbehalten. Ibrahim Pascha× forderte nun eine Restituierung und weigerte sich, vorher die Auswechslung anzutreten. Aufgrund des kalten Wetters fand diese unter Protest dann doch statt, auch wenn das weitere Schicksal der Gefangenen ungeklärt blieb.[140] Mit dem Capidschilar Chihaiasi des osmanischen Großbotschafters× konnte schließlich eine Auswechslung von 50 öffentlich Gefangenen gegen diejenigen in Peterwardein× erreicht werden. Oettingen× setzte jedoch seine Rückreise fort und beendete mit dem Einzug in Wien× am 29. Jänner 1701 seine Großbotschaft. Eine alphabetische Liste der befreiten Gefangenen führt insgesamt eine Zahl von 920 Personen an. Es fehlten damit noch 38 Personen aus dem Belgrader Gefängnis.[141]

4.3 Der Fall Thököly

Der ungarische Magnat Emmerich Thököly× (1657–1705) nahm bereits in den 1670er Jahren am Kuruzzenaufstand gegen den Kaiser× teil und zeichnete sich durch militärische Erfolge aus. Er war kurzzeitiger Fürst von Oberungarn (1678–1683) und Siebenbürgen× (1690) und stellte sich in die Dienste des Osmanischen Reichs×. Er nahm sowohl an der Schlacht bei Slankamen (1691) als auch an der Schlacht bei Zenta (1697) auf osmanischer Seite teil.[142] Somit wurde er von der habsburgischen Seite als feindlich angesehen. Thököly× war auch Thema bei den Friedensverhandlungen von Karlowitz. Die kaiserliche Seite fürchtete, dass der Graf× mit seiner Anhängerschaft in Ungarn und Siebenbürgen für Unruhe sorgen und weitere Aufstände hervorrufen könnte. Er wurde in den Friedensartikeln nicht namentlich erwähnt, sondern in die Generalia des Artikels zehn einbezogen. Intern wurden mit Maurocordato× diesbezügliche Absprachen getroffen.[143] Thököly sollte von den Grenzen ferngehalten werden.[144]

Nach der Ankunft in Konstantinopel× fand Oettingen× das Ehepaar Thököly vor. Dieses bewohnte nach einer Konfiszierung durch die osmanische Kammer das frühere siebenbürgische Haus mit Pferdestall und Weinschenke.[145] Die Gemahlin wollte ihm gleich einen Brief zuschicken, was Oettingen× aber mit der Begründung ablehnte, dass er „kheinen befelch habe, etwas von ihr anzunehmen.“[146] Schließlich meldeten sich beim kaiserlichen Großbotschafter× vier Ungarn, die sich bei Thököly× befanden. Sie gaben vor, von diesem bei der letzten ungarischen Rebellion entführt worden zu sein und suchten um ihre Befreiung nach. Während einer andauernden Überprüfung reisten schließlich drei der vier Ungarn im August mit dem polnischen Großbotschafter ab.[147]

Bezüglich Thököly× ließ der Kaiser× Ende August seine Forderungen wiederholen. Die osmanische Seite sollte daran erinnert werden, „ihme Thekely über das schwarze meer in ein weit entlegenes land oder insul ferner weg zu schaffen.“ Er sollte Konstantinopel× verlassen, da er in Reichweite der europäischen Botschafter „mehr alß anderwertig die gemeine ruhe verstören kann.“[148]

Am 24. Oktober erfolgt der Auszug des Großbotschafters× aus Pera× über Eiupp×. An der letzten Brücke vor Eiupp× entdeckte Oettingen beim Vorbeireiten Thököly× mit seinen Leuten unter einem Zelt: „Ich weiß nicht mir, undt forderist eüer kay. may. zu ehren, undt bezeigung seines deroselben schuldigsten respect, oder aus curiosität, oder aber gahr zu einer bravur, weillen ich wider seine anwesenheit daselbst in Constantinopel protestiret, mich dargegen beschwähret, undt umb seine weithere relegation angesuchet. So vill habe ich ex post vernohmen, daß sich vill zu Constantinopel über solche seine kühnheit verwundert. Wie ich wahrnehmen khönnen, ist selber nicht einmahl in meinen vorbeyrayßen auffgestandten, mues aber auch bekhennen, daß mir nicht bewußt, ob er solches auch zum despect gethan, oder ob er nicht vill mehr so schlecht an salva venia dem pedal bestellet, daß er nicht mehr stehen khan. Welches leztere ich darfür halte.“[149] Dass Thököly× den Auszug des kaiserlichen Großbotschafters× beobachtete, war angesichts der kaiserlichen Bemühungen um seine Entfernung aus Konstantinopel× sehr kühn. Das Sitzenbleiben beim Vorbeizug des Großbotschafters× könnte tatsächlich mit seiner Gicht erklärt werden.[150]

Letztlich waren die kaiserlichen Bemühungen erfolgreich, denn Thököly× wurde 1701, als er sich nach Adrianopel× zum Sultan× begeben wollte, mit seinem Gefolge nach Nikomedia (Izmit)× in die Verbannung geschickt, wo er 1705 starb. Sein Stiefsohn Franz II. Rákóczi (1676–1735) begann jedoch 1703 in Siebenbürgen× eine neuerliche Rebellion gegen die habsburgische Herrschaft, der sich übrigens auch der Sohn seiner Schwester Catharina, Antoni Esterházy× (1676–1722), anschließen sollte.[151]

4.4 Geschenkwesen

Geschenke waren ein wichtiges Mittel in den habsburgisch-osmanischen Beziehungen, um das gegenseitige Verhältnis anzuzeigen und eine Bindung zwischen Schenker und Beschenkten herzustellen. Sie dienten besonders in der islamischen Welt der materiellen Manifestation von Ehre und zur Anzeige von Hierarchien. Nach der Überreichung verloren jedoch die Objekte diesen Status. In Europa wurden Geschenke stärker als individuelle Gaben verstanden, die persönliche Bindungen herstellten. Von kaiserlicher Seite wurden vor allem Uhren und Silberwaren geschenkt, während die osmanische Seite gerne Textilien, insbesondere Turbantücher und Duftstoffe, verehrte.[152]

In Wien× haben sich einige Geschenklisten der Oettingischen Großbotschaft erhalten. Vom April 1699 datiert eine zehnseitige Liste mit Geschenken für den Großsultan×, die Sultanin×, die Sultanin Valida, den Großwesir×, den Pascha zu Belgrad, den zweiten Wesir, den dritten Wesir, den vierten Wesir, den fünften Wesir, den sechsten Wesir, den siebten Wesir, den Mufti sowie den Chihaia zu Belgrad im Wert von 93.757 Gulden und fünf Kreuzer.[153] Die kaiserliche Großbotschaft brachte außerdem elf große und 13 kleine Uhren im Wert von 2.209 Talern mit.[154] Auch in der Instruktion wurden Anweisungen bezüglich der Geschenke gegeben: Zu den Audienzen bei Sultan× und Großwesir× sollte Oettingen× „die ihme mitgegebene praesenten ablegen, und selbtem mit vermeldung des kay. freundlichen gruß, und nachbahrlich guettem willens zu vernehmen geben.“[155]

Bereits am 4. Dezember 1699 sandte Wolfgang IV.× ein Postskriptum von Peterwardein× nach Wien×, in dem er um die Zusendung weiterer Geschenke bat. Zwar seien Gaben für die in der Liste vom April 1699 genannten Personen vorgesehen, jedoch benötige er auch solche für eine Reihe weiterer osmanischer Beamter. Der Großbotschafter× forderte mindestens zwölf Stockuhren, zwei oder drei Druck- oder Repetieruhren sowie verschiedene Gewehre und Ansichten. Andere türkische Uhren ließ er zurückschicken, da diese „mehr für eine verschümpfung, als verehrung aufgenohmen werdten könnten.“[156]

Anfang Februar kamen die nachgesendeten Geschenke in Konstantinopel× an. Die Uhren und Ansichten wurden vom Kurier Admiraldi dem Kassier Schelzinger übergeben. Dabei stellte sich heraus, dass ein Teil der Ware durch den Transport beschädigt worden war. Glücklicherweise hatte man den Uhrmacher Mätl dabei, „der mühe brauchen wirdt, selbe alle [Uhren] repariren zu khönnen.“ Man bedankte sich für die Zusendung und hoffte nun, damit auskommen zu können.[157] Es folgten nun die Empfangsaudienzen beim Großwesir× am 13. Februar und beim Sultan× am 16. Februar, im Zuge dessen auch die wichtigsten Geschenke überreicht wurden. Dem Großwesir× hätten die Geschenke, die er während der Audienz einzeln herbeibringen ließ, sehr gut gefallen. Die kaiserliche Abordnung erhielt dafür beim Abschied 100 Kaftane.[158]

Die Geschenke für den Sultan× ließ man bereits im Vorfeld der Audienz durch die Vermittlung des Capidschi Bahsa in die Nähe des Topkapı-Palastes bringen und von einer osmanischen Wache und zwei eigenen Trabanten bewachen. Dies sollte auch der Gefahr von Einbrüchen beim Quartier in Pera× vorbeugen. Am Tag der Audienz beim Sultan× wurden die Gaben bereits bei Tagesanbruch zur Präsentation vorbereitet und während dem Anlegen der Kaftane durch die kaiserlichen Besucher in den Audienzsaal des Sultans× getragen: „Der sultan, wie mich verschiedene versicheren lassen, solle eine besondere vergnügung darüber gezeiget, und sich der künstlichen uhr werck und schönen silber arbeit halber sehr verwundert haben.“ Auf Anraten von Maurocordato× und Reis Effendi× ließ Oettingen× einen Teil der Geschenke, insbesondere für die Sultanin× und weitere Frauen, in das etwa eine Stunde entfernt liegende Davud Pascha senden, wo sich gerade der osmanische Hof aufhielt. Dort wurden auch die mitgebrachten Jagdhunde übergeben.[159] Demgegenüber erhielt Leopold I.× in Wien× neben 25 Pferden zwei Jagd-Geparden, die als exotische Tiere als Symbol für die Anerkennung der Gleichberechtigung durch den Sultan× gesehen werden können.[160] Ausständig waren von kaiserlicher Seite am Ende der Großbotschaft nur noch die Donativgelder an Maurocordato× und den Reis Effendi×, die ausdrücklich bis zum Abschluss der Grenzscheidung zurückzuhalten waren.[161] Obwohl der englische Botschafter Paget× aufgrund seines Versprechens an Maurocordato× auf die Auszahlung des Donativs bestand, gelang Oettingen× die Mitnahme des Geldes bei der Abreise. Stattdessen konnte er mit einem Teil die Siebenbürger und Debreziner Schuld beim Pfortendolmetscher× in Höhe von 5.365 Reichstalern begleichen.[162]

4.5 Präzedenzstreitigkeiten mit dem französischen Botschafter

Im Zuge der Neuen Diplomatiegeschichte wurde zurecht auf die Wichtigkeit symbolisch-zeremonieller Praktiken hingewiesen. Die Präzedenz kann dabei als Inbegriff zeremonieller Rangverhältnisse gelten. Michael Rohrschneider definiert sie als „symbolisch-zeremonielle Visualisierung und konkrete Manifestierung politischer Ansprüche und damit gewissermaßen auch als zeremonielle Codes zur Austragung zwischenstaatlicher Konkurrenz.“[163] Anhand der zeremoniellen Behandlung und der Gewährung von Ansprüchen konnte der konkrete Rang eines Potentaten abgelesen werden.[164]

Am Hof des Sultans in Konstantinopel× sah die Rangverteilung anders aus als in Europa, wo der Kaiser den Vorrang verlangte. Hier beanspruchte das Königreich Frankreich die Präzedenz, das zeitweise äußerst enge außenpolitische Beziehungen mit dem Osmanischen Reich× pflegte. So wurde das Osmanische Reich× bei der Schlacht bei Slankamen (1691) von französischen Artilleristen unterstützt, außerdem versuchte Ludwig XIV.× (1638–1715), den Sultan× zur Aufrechterhaltung des Kampfes gegen das Habsburgerreich× zu ermuntern. Die französisch-osmanischen Beziehungen wurden also für die antihabsburgische Politik Frankreichs instrumentalisiert.[165]

Mit dem Abschluss des Friedens von Karlowitz schien nun diese traditionelle Vorrangstellung Frankreichs× an der Hohen Pforte in Gefahr zu geraten. Ludwig XIV.× schrieb an seinen neuen Botschafter Charles de Ferriol d’Argental× (1652–1722), der im Dezember 1699 in Konstantinopel× ankam, dass eine Aufrechterhaltung der französischen Präzedenz gegenüber dem Kaiser× nun schwierig werde. Ferriol× sollte trotzdem versuchen, den Vorrang gegenüber dem auf dem Weg befindlichen kaiserlichen Großbotschafter Oettingen× zu behaupten.[166] Ein wichtiges Element war dabei die Antrittsaudienz beim Sultan als symbolischer Repräsentationsakt. Besonderes Augenmerk wurde auf die Details der Empfangszeremonie gelegt, anhand derer die Würde einer fremden Macht ausgehandelt wurde.[167] Am 25. Dezember nahm Ferriol× die Audienz beim Großwesir× wahr, wobei dem Franzosen nur einfache Kaftane zugestanden wurden.[168] Bei der Audienz beim Sultan× am 5. Jänner 1700 kam es dann zum Eklat. Ferriol× trug einen Degen unter dem Kaftan, den man darunter deutlich hervorragen sah. Nach der Weigerung des Ablegens wurde die Audienz abgebrochen.[169]

Wolfgang von Oettingen× erhielt am 21. Jänner Nachricht vom Zwischenfall des französischen Botschafters× und schickte nach Wien die Anfrage, wie er sich in diesem Fall zu verhalten habe.[170] Mangels rechtzeitiger Antwort informierte sich Oettingen×, dass das Tragen eines Säbels unüblich sei. Oettingen× umging geschickt die Herausforderung des französischen Botschafters×, indem er ein Gewand trug, zu dem keine Waffen gehörten: „Scheinet alßo noch glückh zu seyn, daß euer kay. may. mir allergnädigst erlaubet, in türckhischer kleydung zu gehen, damit ich nicht, wie der frantzos, in ein contradiction, oder anstandt gerathen bin.“[171] Die Trabanten durften hingegen mit ihren Waffen bis zum Absteigungsstein im Seraglio-Palast gehen, wo sie diese dann der Torwache in Verwahrung gaben. Dafür wurden sie von den Janitscharen eingeladen, mitzugehen und den Akt ihrer Bezahlung aus der Nähe zu beobachten.[172] Von kaiserlicher Seite wurde schließlich das Absolvieren der Audienzen ohne Degen gutgeheißen.[173]

Zu einem schweren Zwischenfall mit dem französischen Botschafter× kam es schließlich am 8. Juni. Nach dem Festhalten von drei Franzosen im Quartier des Großbotschafters ließ Ferriol× drei Angehörige des Kaisers festnehmen. Erst über den holländischen Botschafter Jacobus Colyer× kam ein Austausch zustande.[174] Mit dem Tod des spanischen Königs Karl II. (1661–1700) am 1. November 1700 stand mit dem Spanischen Erbfolgekrieg der nächste Konflikt zwischen Habsburg und Frankreich bevor. Wolfgang IV.× erfuhr davon während der Rückreise.[175]