Prunkzelt

LIDO SOURCE

© KHM- Museumsverband, Sammlung Wagenburg

Objekttyp Zelt
MaterialSeide, Atlas, Gold- und Silberstickerei
Heutiger Standort Wagenburg, Kunsthistorisches Museum Wien
InventarnummerS 220
Künstler/WerkstattOsmanisch
HerstellungsortChios
Datierung1690–1700
BeschreibungDas Prunkzelt in der Wagenburg wurde bereits von Nurhan Atasoy (ATASOY, Tent, 274) bearbeitet. Der Dekor der Zeltwände besteht aus zwei gegenüberliegenden Nischen (Doppelnischentypus). Von der Mitte der oberen Nische hängt eine Kette mit einer Lampe, die – wie auch in den Zwickeln der Nischen – von reicher Blütenornamentik umgeben ist. Diese Charakteristika erinnern an die Sure des Lichts (24:35), in der eine Nische (miḥrāb) mit einer Hängelampe in einer Moschee symbolisch beschrieben ist. Religiöse Schriften beeinflussten die islamische Ikonographie dahingehend, dass die Lampe in einer Nische als künstlerisches Motiv auch auf Keramik, Stein, Stuck sowie auf Gebetsteppiche übertragen wurde (ETTINGHAUSEN, History, 19). Zwei Zeltfragmente aus dem Palastmuseum in Wilanów (Polen), die anscheinend aus der Türkenbeute von 1683 stammen, weisen ikonographische und stilistische Parallelen auf: Auch hier werden die Nischen nicht, wie üblicherweise, von Säulen gestützt, sondern sie sind von einem schmalen, vertikal verlaufendem Blumenband umgeben (KANGAL, War, Nr. 113, 114). Das Dekorschema des Zelts spiegelt sich in der Nischenarchitektur des Wandteppichs aus Chios in der Wagenburg (S 230) wider. Deshalb steht hier nicht nur die religiöse Funktion des Zelts im Vordergrund, sondern auch seine Verwendung mitsamt Teppichen und Polsterüberzügen in profanen bzw. festlichen Kontexten (siehe dazu die Polsterüberzüge S 228 und S 229 in der Wagenburg). Auffallend ist außerdem die signifikant rote Hintergrundfarbe des Zeltes: Nur der Sultan, der Großwesir, der oberste Religionsgelehrte und die Gouverneure der wichtigsten Provinzen des Osmanischen Reiches waren berechtigt, rote Zelte zu besitzen (MANSEL, Tents, 33). Diese Zelte erhielten die Würdenträger entweder nach ihrer Ernennung oder erfolgreichen militärischen Aktivitäten vom Sultan als Geschenk (ATASOY, Tent, 37–38). Die einstige Aufstellung des Zelts in der Wagenburg entspricht jedoch nicht seinem originalen Zustand: Die auf den Fotos gezeigte rote Zeltoberfläche war ursprünglich als Innenseite vorgesehen. Bei genauerer Betrachtung der undekorierten Außenseite zeigen sich kleine farbliche Spuren, die dem Zelt ursprünglich ein leuchtendes Grün verliehen (ZYGULSKI, Art, 173; ATASOY, Tent, 62–63). Weitere Zelte in dieser Form, die eine rote Innenseite und eine grüne Außenseite aufweisen, findet man beispielsweise im Schloss Friedrichstein in Kassel. Dieses Zelt kann aufgrund seiner rekonstruierten Architekturform einem osmanischen Wesir zugeordnet werden, was auch im Fall des Zeltes in der Wagenburg zutreffen könnte (DUMMER, Zukunft, 77–87; SCHERNER, Prunkzelt, 92–93). Jedoch ist bei Letzterem noch eine aktuelle Rekonstruktion seiner originalen Architekturform ausständig.
VerwendungskontextZeremonien; Alltag und Fest
MaßeUnbekannt
ZustandDie Stoffbahnen der Wände und des Dachs sind bis auf die verblassten Farben gut erhalten. Die wenigen bis heute erhaltenen Zeltstangen sind restauriert.
ProvenienzDas Prunkzelt gelangte wahrscheinlich als Geschenk der osmanischen Großbotschaft Ibrahim Paschas von 1699–1701 an den kaiserlichen Hof in Wien. Sowohl eine osmanische Geschenkliste des Sultans für den Kaiser (REINDL-KIEL, Duft, 247) als auch der Bericht des habsburgischen Verlegers Johann Baptist Schönwetter erwähnen ein mit bunten Blumen und Goldfaden geschmücktes Zelt aus Atlasstoff (SCHÖNWETTER, Bericht, 64). Darüber hinaus wurde dieses Zelt im kaiserlichen Schatzkammerinventar von 1702 beschrieben und bereits von Kaiser Leopold I. (r. 1658–1705) als Festzelt verwendet (Reiffenstuehll, Beschreibung, 233, vgl. POLLEROSS, Schatz– und Kunstkammer, 279–280). Osmanische Zelte mitsamt ihrer Einrichtung (Polsterüberzüge, Teppiche etc.) waren besonders bei höfischen Feierlichkeiten beliebt, da sich hier die europäischen Souveräne, wie z.B. der sächsische Kurfürst August der Starke (1670–1733) in Dresden, als erfolgreiche Türkenkämpfer inszenieren konnten (SCHUCKELT, Cammer, 226–319).
Siehe auchSchönwetter, Bericht, 64

Liste von Geschenken Sultan Mustafas II. an Kaiser Leopold I., Konstantinopel, o.D. (circa 1699)
Siehe auchNurhan ATASOY, The Ottoman Imperial Tent Complex, Istanbul 2000.

Julia DUMMER, Für die Zukunft bewahrt. Die Konservierung des osmanischen Prunkzelts, in: Museumslandschaft Hessen-Kassel, Hg., Löwe und Halbmond, Petersberg 2012, 77–87.

ENTTINGHAUSEN, Richard. 1974. “The Early History. Use and Iconography of the Prayer Rug.” In Prayer Rugs, edited by Louise Mackie. Washington. 10–25.

Selim KANGAL, Hg., War and Peace, Ankara 1999.

Richard ENTTINGHAUSEN, The Early History. Use and Iconography of the Prayer Rug, in: Philip MANSEL, Ottoman Tents. Travelling Places, in: Hali 39 (1988), 30–36.

Friedrich POLLEROSS, „Kayserliche Schatz– und Kunstkammer.“ Die habsburgischen Sammlungen und ihre Öffentlichkeit im 17. Jahrhundert, in: Sabine Haag / Franz Kirchweger / Paulus Rainer, Hg., Das Haus Habsburg und die Welt der fürstlichen Kunstkammern im 16. und 17. Jahrhundert, Wien 2015, 255–295.

REIFFENSTUEHLL, Ignatius: Kurtze und außführliche Beschreibung Von Herrührung, Erbau- und Benennung [...] sowohl in als umb die […] Residenz-Stadt Wienn in Oesterreich [...]. Wien 1716.

Hedda REINDL-KIEL, Der Duft der Macht. Osmanen, islamische Tradition, muslimische Mächte und der Westen im Spiegel diplomatischer Geschenke, in: Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes 95 (2005), 195–258.

Antje SCHERNER: Osmanisches Prunkzelt, in: Museumslandschaft Hessen-Kassel, Hg., Löwe und Halbmond, Petersberg 2012, 91–92

Johann Baptist SCHÖNWETTER, Gründ- und umständlicher Bericht von denen römisch-kayserlichen wie auch ottomannischen Groß-Bothschafften: wodurch der Friede oder Stillstand zwischen dem aller-durchleuchtigst-großmächtigst- und unüberwindlichstem römischen Kayser Leopoldo Primo und dem Sultan Mustafa Han III. den 26. Januarii 1699. Zu Carlowiz in Sirmien auf 25. Jahre geschlossen und darauff auch denen respective Höffen zu Wienn und Constantinopel bestätiget worden, Wien 1702.

Zdzislaw ZYGULSKI, Ottoman Art in the Service of the Empire, New York 1992.

Holger SCHUCKELT, Die Türckische Cammer, Dresden 2010.
DatenerfassungDandachi, Laila
Lizenz auf diesen DatensatzCreative Commons BY 4.0
ZitiervorschlagPrunkzelt, bearb. von Laila Dandachi, Datenmodellierung: Jakob Sonnberger, in: Die Großbotschaften Wolfgang IV. zu Oettingen-Wallersteins und Elçi İbrahim Paşas (1699–1701), hg. von Arno Strohmeyer und Stephan Kurz (Digitale Edition von Quellen zur habsburgisch-osmanischen Diplomatie 1500-1918, hg. von Arno Strohmeyer, Projekt 7), Wien 2025
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